Eine Reise in die Zukunft

Schöner, neuer Tourismus – wir kommen!

Vom Blockchain-Zimmerschlüssel über das intelligente Bade­zimmer bis hin zur Trinkgeld-App: Der voll digitalisierte Urlaub ist nur noch ein paar Klicks entfernt. Die Reisejournalistin Annette Rübesamen ist schon mal vorgefahren

Illustration zu digitalen Möglichkeiten während des Reiseerlebnisses
© Anton Hallmann

Herrlich ist es hier oben im Bergwald! Der Wanderweg führt von Oberheudorf aus steil nach oben, aber es ist angenehm schattig, Pilzduft liegt in der Luft, und am Wegesrand blühen Anemonen. Noch eine Dreiviertelstunde bis zum Kreuzsee, wo wir ein Picknick machen wollen. Selbst wären wir ja nie auf die Idee gekommen mit diesem stillen Hochgebirgs­gewässer. Eigentlich wollten wir heute auf den Tannberg, den kenne ich von Instagram. Wir hatten auf der Website der Seilbahn schon die Öffnungszeiten abgefragt. Aber dann blinkte auf meiner Touren-App die rote Ampel. Klar, heute ist Sonntag, da drängen sich oben die Massen. Die Touren-App bot uns aber dann gleich Alternativen an: Besuch im Bauernhofcafé mit Bio-Eis, Floßfahrt und Wanderung zum Kreuzsee. Wir haben uns natürlich für die Wanderung entschieden. Meine gute Freundin Gabi und ich haben für unser Mädels-Wochenende ja Oberheudorf ausgewählt, weil wir möglichst aktiv sein wollten.

Mit digitaler Gästekarte und On-Demand-Taxi zum Wanderweg

Angereist sind wir ohne eigenes Auto. Kein Problem, denn über die digitale Gästekarte von Oberheudorf, die wir als App auf dem Handy haben, könnten wir sämtliche Sharing- und Mobility-Angebote nutzen. Doch wir haben lieber über die App das On-Demand-Taxi gerufen. Dann sind wir beim Wandern unabhängig und können auch woanders wieder rauskommen. Sepp, der Taxifahrer, kam lautlos mit seinem E-Auto zu unserem Hotel geschnurrt. Er hat erzählt, dass fast alle Gäste jetzt ohne eigenes Auto kommen und die Einheimischen nicht mehr mit zugeparkten Wiesen und Einfahrten zu kämpfen haben. Auch ich fand den wenigen Verkehr angenehm. Und die Luft schmeckte so köstlich!

Ein Glück, dass wir uns für unseren Urlaub für Oberheudorf entschieden haben! Gabi und ich kannten den Ort vorher gar nicht. Aber unsere Suchanfrage über Facebook im großen Buchungsportal („Aktiv-Kurzurlaub für unter 500 Euro“) hat eben auch das Bilderbuchdorf hier ausgespuckt. Als ich es dann gegoogelt habe, hat der Knowledge Graph gleich alles Wissenswerte preisgegeben: 100 Kilometer Wanderwege, angenehmes Klima auch jetzt im September, Almabtrieb am Wochenende – und das Restaurant „Tenne“ hat gerade seinen zweiten Michelin-Stern bekommen. Wo Gabi doch so eine Feinschmeckerin ist! Über die Oberheudorfer Website konnten wir uns dann erst mal die Unterkünfte angucken.

Im „Hotel Post“ haben wir eine Virtual Tour durch die Zimmer unternommen – herrlich, wie auf dem Westbalkon von Zimmer 412 die Abendsonne reinkommt. Mir gefällt auch die Walk-in-Dusche im Bad, deren sanftes Rauschen ich schon mal per Audio genießen konnte. Vorfreude ist bekanntlich der halbe Urlaub, und durch Virtual Reality fällt die Sorge weg, dass wir nicht sicher sein können, was wir vor Ort bekommen. Die Gastgeber wiederum haben keinen Stress mit unzufriedenen Gästen. Gabi und ich haben auch einen Virtual Walk durch den Wellnessbereich unternommen und kennen jetzt schon die Aufgusszeiten in der Sauna. Den Termin für die Massage konnte ich gleich online buchen. Der Bike-Raum wirkte auch sehr gepflegt. Alles richtig schick. Außer­dem habe ich mir die Weinkarte schon malonline angeschaut und uns für den Fondue-Abend eingebucht, mit glutenfreier Option für Gabi. Praktisch für die Gastgeber – die können so ja viel besser planen. Dann haben wir das Zimmer online gebucht und bezahlt.

Keine Überraschungen, bitte! Mit Virtual Reality wird die Buchung des Hotelzimmers zur sicheren Bank. Online lassen sich schon mal Wellness­angebote buchen und die Weinkarte studieren
Keine Überraschungen, bitte! Mit Virtual Reality wird die Buchung des Hotelzimmers zur sicheren Bank. Online lassen sich schon mal Wellness­angebote buchen und die Weinkarte studieren © Anton Hallmann

Die Reiseversicherungs-App kennt die nächste Apotheke. Und warnt vor Überschwemmungen

Gabi und ich wollten unser Mädels-Wochenende unbedingt durchziehen. Aber in diesen Zeiten weiß man ja nie. Daher habe ich für alle Fälle eine Reiseversicherung abgeschlossen. Ging mit Sprachassistent in Nullkommanix. Die App habe ich mir auch runtergeladen. Die weiß jetzt, wo ich hinfahren will, und hat versprochen, sich mit Push-up-Warnungen zu melden, wenn in der Nähe von Oberheudorf Waldbrände auflodern oder Überschwemmungen drohen. Was bisher zum Glück nicht der Fall war. Außerdem kennen sie immer die aktuellen Telefonnummern der Notdienst-Apotheken und Ärzte, falls Gabi mit ihrem niedrigen Blutdruck wieder mal umkippt. Sogar eine Liste zum Kofferpacken haben sie mir geschickt, mit Tipps für die Reiseapotheke.

Das intelligente Hotelzimmer macht sich die Gästegewohnheiten und -vorlieben schnell zu eigen. Es fungiert als Wohlfühl- Insel, in dem selbst der Besuch des Badezimmers zum individuellen Wellness­erlebnis wird
Das intelligente Hotelzimmer macht sich die Gästegewohnheiten und -vorlieben schnell zu eigen. Es fungiert als Wohlfühl- Insel, in dem selbst der Besuch des Badezimmers zum individuellen Wellness­erlebnis wird © Anton Hallmann

Die Edelweiß-App ruft den Roomservice. Und sorgt für frische Handtücher

Auch im „Hotel Post“ haben sie an uns gedacht – und uns noch vor der Anreise regelmäßig mit Mails mit aktuellen Infos zur Anreise und zu den geplanten Events während unseres Aufenthalts versorgt, immer mit Links zu Anmeldemöglichkeiten. Am Tag vor der Anreise checkten wir schon mal online im Hotel ein. Das Hotel schickte uns dann per Blockchain-Technologie die digitalen Zimmerschlüssel als Code aufs Handy. Wir hätten also jederzeit  anreisen und unser Zimmer beziehen können. Die Gastgeber konnten unseren Standort aber via Geotagging verfolgen, berechnen, wann wir eintreffen würden – und waren dann tatsächlich auch persönlich an der Rezeption. „Am liebsten begrüßen wir unsere Gäste nämlich selbst“, sagten sie und nahmen sich – den Papierkram hatten wir ja online schon erledigt – richtig viel Zeit zum Plaudern. Wir bekamen Gläser mit frischem Apfelsaft und unser „Edelweiß“ überreicht. Das Edelweiß ist ein Wear­able Device in Form einer Alpenblume, das man sich anstecken  oder als smartes Armband tragen kann. Wir können damit unsere Tage im Hotel perfekt organisieren: Es dient als Zimmerschlüssel und als Kreditkarte (womit wir Mahlzeiten und Spa-Anwendungen bezahlen können). Über die damit verbundene Edelweiß-App können wir außerdem beim Roomservice Snacks bestellen oder ein Eis, wenn wir gemütlich im Garten in der Sonne liegen. Und weil Robert, der Kellner, nicht ständig mit abzuzeichnenden Rechnungen herumsausen muss, bleibt viel mehr Zeit für ein paar nette Worte. Robert hat uns zum Beispiel das Waldfest am Dienstag im Nachbarort empfohlen. Er spielt in der Blaskapelle mit!

Mit einem einzigen Klick können wir auch entscheiden, ob und wann unser Zimmer sauber gemacht wird. Und ob wir frische Handtücher brauchen. Ich finde das sehr angenehm – und die Hausdame ebenso. Das Housekeeping laufe jetzt viel effizienter, hat sie mir erzählt.

Im Hotel fungieren Mobile Devices als Zimmerschlüssel, Zahlungsmittel und digitaler Concierge. Der Gast hat alles, was er zur Organisation seiner Ferientage braucht, immer dabei. Das entspannt ihn - und lässt ihn die Reise genießen
Im Hotel fungieren Mobile Devices als Zimmerschlüssel, Zahlungsmittel und digitaler Concierge. Der Gast hat alles, was er zur Organisation seiner Ferientage braucht, immer dabei. Das entspannt ihn – und lässt ihn die Reise genießen © Anton Hallmann

Manchmal muss ich mich wirklich zwingen, unser Zimmer 412 in der „Post“ zu verlassen. Vor allem das Smart Bad hat es mir an­getan. Durch Gesichtserkennung weiß es, wer zur Tür hereinkommt, und passt alles entsprechend unseren Vorlieben und der Tageszeit an. Beim Zähneputzen heute früh zeigten mir die Displays über dem Waschbecken die Atlantikbrandung an, dazu gab’s Möwengeschrei aus versteckten Boxen, und der vernetzte Raum­bedufter versprühte eine Mischung aus Salz, Jod und Algengeruch. Über unsere Edelweiß-App habe ich schon eingestellt, dass wir heute Abend ins zimmereigene Dampfbad wollen und danach in unsere schwingenden Wellnessbetten, deren Massage- und Schwingbewegungen von Tageszeit und Körpertemperatur abhängen.

Angereist sind wir übrigens mit dem Zug. Als ich im Internet nach Anreisemöglichkeiten für Oberheudorf suchte, hat uns der Knowledge Graph gleich vor Autobahnstaus wegen der endlosen Baustelle bei Hinterstadt gewarnt: rote Ampel! Die KI im System (die natürlich weiß, dass wir oft nach Bio-Lebensmitteln und Ökostrom-Anbietern suchen) hat uns stattdessen zwei Zugverbindungen vorgeschlagen, jeweils mit Auslastungsprognose. Wir haben deshalb den späteren Zug genommen – und tatsächlich, er war ganz leer, und wir haben uns wunderbar entspannt. Weil die Zugfahrt so lange war, habe ich zwischendrin meine VR-Brille aufgesetzt und mich schon mal in den Everglades umgesehen.

Nach Florida will ich nämlich auch demnächst, mit meinem Mann. Um das Klima zu schonen, wollen wir nicht fliegen, sondern auf einem batteriebetriebenen Kreuzfahrtschiff anreisen. Das dauert eine Woche, aber es gibt Coworking-Lounges an Bord, sodass wir dort im Homeoffice arbeiten können und keinen Urlaubstag mit der Anreise vergeuden.

Zurück nach Oberheudorf. Gabi und ich sind jetzt schon den dritten Tag hier. Morgen wollen wir noch mal wandern gehen; die App hat uns einen Blumenlehrpfad vorgeschlagen, dazu den Einkehrtipp in der Rosen-Alm. Dort gibt‘s morgen Kaiserschmarrn – wir haben gleich online einen Tisch reserviert.

Zurück nach Hause müssen wir aus Zeitgründen leider fliegen. Die Koffer haben wir mit Smartphone und Electronic Tag schon eingecheckt. Die gewonne Zeit werden wir im Hotelgarten sitzen, E-Postcards verschicken und noch mal an die Hotelbar gehen. Denn obwohl der Minibar-Automat auf dem Zimmer Hugos mixen kann, haben wir unseren Aperitif immer lieber bei Robert an der Bar getrunken. Weshalb wir die anonyme Trinkgeld-App jetzt doch nicht aktivieren. Wir bedanken uns lieber in bar. Und ganz persönlich.