Holger Kein: Es gibt so viel zu besprechen

Holger, du stellst deine Arbeit unter das Gottfried-Benn-Zitat „Wer redet, ist nicht tot“. Dem könnte man ein „Schweigen ist Gold“ entgegensetzen. Wieso ist Reden dein Beruf geworden?

Weil ich das am besten kann und am liebsten mache. Das habe ich allerdings erst rausgefunden, als es schon mein Beruf war. Geplant war das alles nicht. Eigentlich wollte ich mal zur Bundesbank. Aber dann bin ich während meines VWL-Studiums erst beim Film gelandet und dann beim Radio.

Wie viele „Hockdiher“-Folgen hast du schon gemacht?

40.

Worum geht es darin, wie ist die Idee entstanden?

Die Idee ist entstanden, als wir vor einigen Jahren auf einem Foodcamp in Bayern waren, das von der BayTM organisiert wurde. Damals dachten wir, das könnte eine schöne, nachhaltige Möglichkeit sein, Bayerns Vielfalt abzubilden und Interesse daran zu wecken.

Was ist persönlich dein liebster Beitrag bisher und warum?

Am liebsten habe ich diejenigen, wo es um Essen oder Trinken geht – vermutlich, weil ich das selbst sehr gerne mache. Die lehrreichste war „Mythos Bayern“, weil ich da gelernt habe, woher mein Bayernbild kommt. Die beeindruckendste war die mit dem Hartkäse-Affineur Thomas Breckle. Während der Aufnahme hätte ihn am liebsten gefragt, ob er mich anstellen würde.

Wie bereitest du dich vor und wie entwickelt sich die Atmosphäre?

Ich weiß, mit wem ich über welches Thema rede und frage einfach so lange nach, bis ich keine Fragen mehr habe. Ein stringentes Interviewmanuskript wie beim Hörfunk habe ich nicht.

Hat sich dein Bild von Bayern durch „Hockdiher“ geändert?

Nicht wirklich. Ich habe Freunde und Verwandte in Bayern, so dass ich schon vorher wusste, worauf ich mich einlasse.

Was hast du durch „Hockdiher“ über Bayern gelernt?

Dass es dort noch mehr gutes Essen gibt, als ich bisher angenommen hatte.

Hilft es dir bei „Hockdiher“, dass du ein „Preiß“ bist oder ist das eher ein Hindernis?

Das ist eher hilfreich, weil ich eine Art unverstellten Blick mitbringe und mich über Dinge wundern (oder zumindest nach denen fragen) kann, die einem Einheimischen zu alltäglich erscheinen mögen. Kirchweih beispielsweise.

Was findet man als Kölner, der in Berlin lebt, an Bayern?

Den totalen Kontrast zwischen einer Region, die gewissermaßen fertig ist, zur immer weiter sich entwickelnden Großstadt. Und eine Wirtshauskultur, die es in Berlin nicht mal ansatzweise gibt, in Köln hingegen schon, wo ich sie auch sehr geschätzt habe. Allerdings ist die bayerische noch besser.

Wer ist/wäre dein bayerischer Traum-Interviewpartner?

Darauf kann ich keine seriöse Antwort geben. Wenn es jemanden gäbe, mit dem ich unbedingt reden wollen würde, hätte ich das vermutlich längst getan.

Was macht einen erfolgreichen Podcast aus?

Dass er gehört wird.

Von dir gibt es auch Podcasts übers Suppenkochen und Fotografieren. Existieren überhaupt Themen, die sich nicht für Podcasts eignen? Anders herum: Gibt es Themen, die sich besonders gut für Podcasts eignen?

Solche, die kein komplexes Schaubild brauchen, damit sie verstanden werden können. Allerdings kann man auch prima über solcherlei Themen reden – es dauert dann halt ein wenig länger.

Kann man allein durch Stimmen und Ton ein echtes Bild von etwas (hier: von Bayern) vermitteln?

Gegenfrage: Kann man das überhaupt irgendwie vermitteln?

Was kann ein Podcast besser als ein Video oder ein Printartikel?

Man kann ihn sowohl beiläufig hören als auch konzentriert. Print und Video muss man seine volle Aufmerksamkeit widmen, und zumindest ich fühle mich nach einem Video in der Regel dümmer als vorher. Es sei denn, es ist so gut produziert, dass es einen komplexen Sachverhalt verständlich macht. Aber das ist leider selten.

Wann und in welchen Situationen hören Leute Podcasts?

Das weiß ich nicht. Vermutlich in allen Lebenslagen außer, wenn es zu laut ist?

Warum sind Podcasts gerade so im Trend?

Einerseits weil es viel zu besprechen gibt, was in die normalen, aktuellen Hörfunk-Kanäle schlecht reinpasst. Es gibt also eine Nische und die wird gefüllt. Andererseits gibt es zunehmend Menschen, die in Podcasts eine weitere Möglichkeit sehen, ihr Produkt an den Mann zu bringen. Im Falls von Firmen, die damit auf eine langfristige, “organische” Öffentlichkeitsarbeit betreiben, finde ich das prima, denn auch Podcasts zu produzieren, ist Arbeit und kostet Geld. Von Produzenten, die Podcasts als Vehikel benutzen, unmittelbar Produkte zu verkaufen, bin ich eher genervt, denn die sorgen dafür, dass erkenntnisgetriebene Produktionen weniger sichtbar sind – aber gerade solche Sendungen finde ich hörenswert. Aber das ist auch bloß ein Geschmacksurteil.

Sind Podcasts ein Selbstläufer oder wie bekommt man Zuhörer?

Auch das kann ich nicht seriös beantworten, denn ich podcaste schon sehr lange und habe meine Hörerschaft über die Jahre aufgebaut, als es noch nicht viele Podcasts gab. Wenn man heutzutage neu startet, kommt man vermutlich kaum umhin, irgendwie Werbung zu machen oder sich Diensten wie Spotify auszuliefern in der Hoffnung, dass deren Algorithmen die Produktion irgendwie sichtbar machen.

Auf welchen Kanälen kann/sollte man Podcasts zur Verfügung stellen?

Auf allen. Bei Plattformen (Spotify, Deezer, Youtube etc.) muss man sich allerdings darüber im Klaren sein, dass man nicht mehr unter Kontrolle hat, was letztlich mit den Sendungen passiert. Darum empfehle ich allen Podcastern, die Daten selbst zu hosten, zu verbreiten (was über iTunes sehr einfach funktioniert) und höchstens zusätzlich auch zu den Plattformen zu gehen.

Die Zahl der Podcasts nimmt aktuell immer weiter zu. Das könnte jede Menge Konkurrenz für dich bedeuten. Angst?

Nicht wirklich. Je mehr Podcasts unterwegs sind, desto alltäglicher wird diese Verbreitungsform, desto mehr Menschen hören zu, desto mehr Hörer*innen werfen mal einen Euro in den Hut und desto mehr Firmen beschließen, hier etwas Geld in die Hand zu nehmen und Produzenten zu bezahlen, so dass letztlich mehr Menschen vom Podcasten leben können als noch vor fünf Jahren. Angst bekomme ich erst, wenn der Kuchen verteilt ist und die Krümel knapp werden. Davon sind wir aber noch weit entfernt.