In eine gute Zukunft geht es nur gemeinsam

Tourismus Restart nach Corona:
Worauf es jetzt ankommt – und wie wir Chancen nutzen können

Verwaiste Innenstädte, heruntergelassene Gitter vor den Geschäften, geschlossene Restaurants und Cafés, Stadtführer ohne Gäste. Hinter den Kulissen: Kurzarbeit und Entlassungen, der Kampf gegen die Insolvenz, die Angst vor der Zukunft. Verzweifelte Hoteliers, Gastronomen und Verkehrsunternehmer, Strandbad- und Thermenbetreiber, Ausflugsunternehmen. Das war Bayerns Tourismusindustrie während Corona. Allmählich lockern sich Ausgangs- und Kontaktrestriktionen, auch die innereuropäischen Grenzen dürften bald schon wieder durchlässiger werden und die Gästezahlen in Bayern damit wieder wachsen. Doch zwei Monate Corona und seine Folgen haben deutlich gezeigt, wie wichtig der Tourismus für Bayern ist – für die Wirtschaft, aber auch für die Atmosphäre in den Orten, für das Angebot für Einheimische und Gäste.

Tourismus, das Zugpferd der bayerischen Wirtschaft

Mehr als 34 Milliarden Euro haben in- und ausländische Touristen im Jahr 2016 für Güter und Dienstleistungen ausgegeben, in den Folgejahren war es eher mehr. Über eine halbe Million Arbeitsplätze sind daran geknüpft. Auf den bayerischen Flughäfen starteten und landeten bisher jedes Jahr mehr als 53 Millionen Fluggäste. Viele bleiben länger: Allein im Jahr 2019 verzeichnete Bayern mehr als 100 Millionen Übernachtungen in 600.000 Gästebetten. Darin sind die privaten Ferienunterkünfte (rund 130.000 Betten mit weiteren 14 Millionen Übernachtungen) noch gar nicht eingerechnet. Auf das Gastgewerbe entfallen 46,4 Prozent des Umsatzes, während der Einzelhandel mit 31,2 Prozent und der Dienstleistungssektor mit 22,3 Prozent beteiligt sind. „Und wenn touristische Leistungsträger Geld verdienen, dann hilft das aufgrund der starken Verflechtungen auch anderen Wirtschaftszweigen – also etwa Handwerksbetrieben, Bäckern, Metzgern, sagt Prof. Alfred Bauer, Dekan der Fakultät Tourismus-Management an der Hochschule Kempten und Leiter des Bayerischen Zentrums für Tourismus, „dadurch wiederum steigt die Kaufkraft“.

Chance zur Regulierung von Massenphänomenen

Bayern braucht den Tourismus. Doch welchen Tourismus? In den letzten Jahren hat es immer öfter auch Diskussionen um ein mögliches zu viel an Tourismus gegeben. Die Konzentration großer Gästezahlen auf wenige Orte und die negativen Folgeerscheinungen für Verkehr, Infrastrukturen und Umwelt haben viele Einheimische – speziell solche, für die die wirtschaftlichen Aspekte persönlich nicht relevant waren – an den Segnungen des Tourismus zweifeln lassen und teilweise auch zu negativen Einstellungen gegenüber den Gästen geführt. Die Erscheinung des Overtourism war an manchen Orten in den letzten Jahren auch in Bayern angekommen.

Wenn sich die Welt nun langsam wieder zu drehen beginnt, wenn sich Grenzen wieder öffnen und der Stillstand in den Neustart übergeht, dann steckt in diesem Neustart eine große Chance: den Tourismus neu zu denken. Vieles ist jetzt möglich. Die einzelnen Destinationen können sich neue Fragen stellen, veränderte Wertvorstellungen berücksichtigen, neue Ziele und Strategien entwickeln. „Jetzt ist der Moment, in dem wir es in der Hand haben. Gerade an den Hotspots können wir jetzt Veränderungen in die Wege leiten“, freute sich Florian Bauhuber, Geschäftsführer des Experten-Netzwerks „Tourismuszukunft“ in einer Podiumsdiskussion zum Thema „Mit Corona reisen lernen – wie kann ein Neustart aussehen. „Wir können eingreifen, steuern, handeln. Der Zeitpunkt für Regulierungen und Kontingentierungen ist günstig und der Digitalisierung kommt hierbei eine wichtige Rolle zu.“

Auch Barbara Radomski, Geschäftsführerin der BAYERN TOURISMUS Marketing GmbH (BayTM), sieht Corona auch als Chance: „Man kann jetzt auf mehr Nachhaltigkeit setzen, auf mehr Luxus oder mehr Qualität“, schlug Barbara Radomski in derselben Diskussion vor.

Die Botschafter stehen für ein authentisch-modernes Bayern

Kritiker des Tourismus vergessen oft, dass viele touristische Infrastrukturen nicht nur den Besuchern, sondern ebenso den Einheimischen zugutekommen: Eiscafés und Biergärten, Konzerte, Theater, Kultur-Events, Shopping, Entertainment und vieles mehr. Die Frage nach Corona könnte also lauten, ob sich der Tourismus nicht so gestalten lässt, dass alle Beteiligten gleichermaßen davon profitieren. „Wir werden künftig Einheimische und Gäste gedanklich nicht mehr voneinander trennen können“, findet Alfred Bauer. „Wir brauchen ein gemeinsames Lebensraum- und Urlaubsmanagement. Die Nutzung dieses Raums durch unterschiedliche Gruppen muss in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns rücken. Für die Einheimischen ist ihre Heimat Wohnraum, Lebensraum, Wirtschaftsraum und Freizeitraum, für Gäste ein Urlaubsraum. Es geht also – verstärkt noch durch die Coronakrise – darum, sich zu fragen, wie man Besucherströme gut lenken kann.“

Bei BayTM hat man sich mit dieser Fragestellung schon lange vor Corona auseinandergesetzt und ist daher jetzt gut vorbereitet. „Wir haben uns Botschafter gesucht, die für ein authentisch-modernes Bayern stehen. Sie sind begeistert von ihrer Heimat, erzählen echte Geschichten und geben gute Tipps“, sagt Barbara Radomski, Geschäftsführerin der BayTM. „Dieser Storytelling-Ansatz gibt uns die Möglichkeit, den Tourismus in die Breite zu bringen. Vorher standen die Publikumsmagnete, die touristischen Leuchttürme, im Fokus – wo keine Sehenswürdigkeit war, gab es auch wenig zu erzählen. Aber wenn wir das authentische Lebensgefühl für den Gast in den Vordergrund stellen – dann geht das im ganzen Land. Und die Urlauber können Bayern bestens auch abseits der ausgetretenen Pfade erkunden.“