Was nach der Schutzmaske kommt

Mehr Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Besinnung auf die lokale Wir-Kultur: Wir haben Experten gefragt, wie Reisen in Bayern nach Corona aussehen könnte

Endlich rührt sich wieder was. Nach Monaten des Stillstands und der Isolation sind Ausgangsbeschränkungen nun weitestgehend aufgehoben; Restaurants und Hotels dürfen wieder Gäste bewirten, Flugzeuge heben erneut ab – sogar zu anderen Kontinenten – und an den Grenzen gehen die Schlagbäume langsam wieder hoch. Reisen, auch ins Ausland und in die Ferne, rücken zumindest wieder in den Bereich des Möglichen. Und bei uns in Mitteleuropa läuft die große Tourismusmaschinerie ruckelnd wieder an. Doch wohin geht die Reise?

Obwohl es Touristiker gibt, die am liebsten sofort den Reset-Knopf drücken und zum business as usual zurückkehren würden, ist den meisten Akteuren klar, dass der Tourismus nach Corona anders sein wird als vor der großen Covid-Krise. Doch was sich ändern wird, ist selbst Experten nicht wirklich klar. „Diese Krise ist mit keiner anderen bisher dagewesenen vergleichbar“, sagt Florian Bauhuber, Geschäftsführer des Expertennetzwerks ‚Tourismuszukunft‘. „Umso schwieriger ist es, verlässliche Entwicklungen zu prognostizieren. In jedem Fall wird uns das Thema Reisen mit Corona noch lange beschäftigen, auch wenn der Tourismus bei uns in Deutschland und Europa schon langsam wieder anzieht. Der globale Tourismus, so wie wir ihn kennen, wird frühestens im Jahr 2022 wieder möglich sein“, glaubt der Experte.

Urlaub mit Schutzmaske? Lieber nicht

Bleiben die Reisen in Deutschland und Europa. Dort hat Corona in den Urlaubslandschaften bereits unübersehbare Spuren hinterlassen: Spender mit Desinfektionsmittel am Hoteleingang, Plexiglasscheiben an der Rezeption, Museumsführer mit Mund-Nasen-Schutz und Liegestühle mit Sicherheitsabstand – so sehen die äußerlichen Konsequenzen von Covid-19 aus. Damit wollen sich viele potentielle Reisenden aber nicht wirklich anfreunden. Jedenfalls nicht auf kurze Sicht: Bei einer Umfrage des Bayerischen Zentrums für Tourismus im Mai 2020 gaben 73,8% der Befragten an, im laufenden Jahr entweder zunächst nicht oder sogar überhaupt nicht verreisen zu wollen. 35,1% dieser Gruppe begründeten ihre Unlust damit, dass Abstands- und Hygienemaßnahmen nicht zu ihren Vorstellungen von Urlaub passten. Über ein Viertel der Befragten insgesamt aber kündigte immerhin auch an, möglichst bald wieder die Koffer packen zu wollen.

„Das Reisen wird weiterhin ein Grundbedürfnis der Menschen bleiben“, glaubt Prof. Alfred Bauer, Direktor des Bayerischen Zentrums für Tourismus und Dekan der Fakultät Tourismus-Management an der Hochschule Kempten. „Daher wird das Reisevolumen auf Dauer wohl keine dramatischen Einbrüche erleiden.“ Womit Bauer dagegen sicher rechnet, sind Verschiebungen innerhalb der einzelnen Marktsegmente im Tourismus. „Die Frage ist, wie sich der erlebte Stillstand, der die Menschen zur Entschleunigung gezwungen hat, auf ihr künftiges Reiseverhalten auswirkt. Ich hoffe, dass wir alle bewusster reisen werden und das Unterwegssein mehr zu schätzen wissen. Und ich glaube, dass bestimmte outdoor-orientierte Urlaubsformen wie Wandertourismus, Fahrradreisen etc. jedenfalls kurz- und mittelfristig stärker nachgefragt werden, während zum Beispiel Kreuzfahrt-Anbieter eher zu den Verlierern gehören könnten.“ Ob sich diese Trends auch langfristig manifestierten, sei jedoch offen.

Chance für neue Perspektiven. Und nachhaltigen Resonanz-Tourismus

Deutschland als Urlaubsort hat aus Bauers Sicht alle Chancen, kurz- und mittelfristig von der Epidemie zu profitieren. Nicht nur in Form von mehr Binnentourismus als bisher, sondern auch, weil die Covid-Krise Chancen für innovative Modelle und kreative Ideen bietet. Für mehr Nachhaltigkeit und höhere Digitalisierung. Oder überhaupt für neue Perspektiven, wie Florian Bauhuber findet: „Aus der Sicht einer eher unbekannten bayerischen Destination im Natur- und Outdoor-Tourismus liegen die Chancen etwa darin, dass sie im Zuge der Krise neue Zielgruppen erreichen und von sich begeistern können. Während Hotspots des Tagestourismus jetzt endlich Strategien der Besucherlenkung angehen müssen, vor allem im Kontext der Digitalisierung.“

Und wie sieht es mittel- bis langfristig aus? Das Coronavirus und die Erfahrungen damit haben die Grundlagen unseres Miteinanders so heftig erschüttert, dass die Welt nach Bewältigung der Krise wohl nicht mehr dieselbe sein wird. Das von Mathias Horx gegründete Zukunftsinstitut hat vier mögliche Zukunftsszenarien entwickelt, die zeigen, in welche Richtungen wir uns gesamtgesellschaftlich entwickeln könnten. Für die heimische Tourismuswirtschaft besonders interessant könnte das Szenario der „Neo-Tribes“ sein, in dem sich die globalisierte Gesellschaft optimistisch und positiv einer lokal gedachten Wir-Kultur zuwendet. Fernreisen verlieren in diesem Szenario an Attraktivität zugunsten der umliegenden Regionen und Länder. Hotspots erholen sich vom Overtourism; Tourismus wird zu Resonanz-Tourismus, traditionelle Handwerksbetriebe erleben eine Renaissance und es findet eine fundamentale Re-Regionalisierung statt.

Kling gut? Bis es soweit ist – immerhin handelt es sich nur um eines von mehreren möglichen Szenarien – können Destinationen die Krise nützen, neue Prozesse anstoßen und Ergebnisse umsetzen. „Genau jetzt ist der Moment, vieles neu zu denken“, sagt Bauhuber, der mit seinem Institut eine Corona-Roadmap für Destinationen entwickelt hat, die auf den Ebenen Handeln, Denken und Fühlen von der anfänglichen Schocksituation in eine erfolgreiche Zukunft führt. Hotels und Gastronomen rät der Experte hingegen erst einmal zu Einfühlungsvermögen: „Machen Sie sich bewusst, welche Bestandteile Ihres Angebots nun für das Erlebnis der Gäste besonders wichtig ist“, empfiehlt er „und überlegen Sie, wie Sie zentrale Werte wie Gastfreundschaft, Herzlichkeit und soziale Nähe trotz der Restriktionen leben können.“