Wakepark am Brombachsee
Wakepark am Brombachsee © erlebe.bayern – Bernhard Huber
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Kathrin Klosa
Marktforschung
Marktforschung

Tourismusakzeptanzsaldo – was ist das und brauchen wir das auch in Bayern?

Haben Sie schon einmal von einem Tourismusakzeptanzsaldo gehört? Eigentlich ist es doch klar: Tourismus ist in Bayern ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, das heißt, je mehr Gäste in einen Ort oder in eine Region kommen, desto besser geht es der lokalen Wirtschaft und umso zufriedener ist die Bevölkerung mit dieser Situation. Dennoch hören wir immer wieder von verärgerten Einwohnern in touristisch besonders erfolgreichen Regionen. Mangelt es hier etwa an der Tourismusakzeptanz?

19.11.2021
Kathrin Klosa
Lesezeit ~7 Minuten

Ich habe mich ausführlich mit diesem Thema beschäftigt und möchte im Folgenden gerne einige Gedanken dazu teilen. Vorab und zum besseren Verständnis aber zunächst noch ein paar Infos zum Konzept des Tourismusakzeptanzsaldos  und warum uns das in Bayern durchaus beschäftigen sollte: Im Oktober 2021 wurden im Rahmen des Bayerischen Tourismustages die ersten Ergebnisse der Tourismusakzeptanzstudie für Bayern präsentiert. Die zentrale Fragestellung der Studie lautet: „Wie nimmt die Bevölkerung das touristische Geschehen in ihrem Ort bzw. in ihrer Region wahr?“. Dazu erhebt und analysiert das DITF auf Basis repräsentativer Befragungen den sogenannten Tourismusakzeptanzsaldo (TAS) auf verschiedenen regionalen Ebenen. Im Sommer 2021 wurde der TAS in den deutschen Bundesländern erhoben. Ausgewählte Studienergebnisse für Bayern können Sie in der Präsentation zum Vortrag von Dr. Sabrina Seeler im Rahmen des Bayerischen Tourismustags 2021 einsehen.

Ein Kernergebnis der TAS Studie für Bayern zeigt, dass 50 % der Befragten den Tourismus für ihren Wohnort positiv bzw. überwiegend positiv wahrnehmen. Dem gegenüber stehen 12% mit einer eher negativen Wahrnehmung. Daraus ergibt sich nach dem der Studie zugrundeliegenden Saldenkonzepts ein TAS-Wohnort in Höhe von 38 für Bayern und damit Platz 10 im Ranking der Bundesländer. Die Daten aus der Studie erlauben auch differenzierte Betrachtungen nach verschiedenen Kriterien wie z. B. der Tourismusintensität. Hier zeigt sich für Bayern, dass sowohl positive als auch negative Auswirkungen der Tourismus stärker wahrgenommen werden, je höher die Tourismusintensität ist.

Warum beschäftigen wir uns mit Tourismusakzeptanz?

Tourismus im Einklang mit Mensch und Natur“ – dieses im Jahr 2018 im bayerischen Ministerrat entwickelte Leitbild impliziert, dass eine nachhaltige Destinationsentwicklung neben dem ökologischen und ökonomischen Aspekt vor allem auch eine soziale Komponente hat: Die lokale Bevölkerung steht in unmittelbarem Kontakt zu unseren Gästen und nur die Menschen vor Ort können deren zunehmenden Wunsch nach authentischen Begegnungen erfüllen. Gleichzeitig sind sie auch diejenigen, die mit den positiven wie negativen Folgen des touristischen Geschehens vor Ort zurechtkommen müssen: Nicht alle profitieren wirtschaftlich gleichermaßen, manch einer spürt evtl. nur ein gestiegenes Preisniveau. Gibt es das Bewusstsein, dass es einen Teil der vorhanden Infrastruktur vor Ort nur gibt, weil diese auch touristisch genutzt wird?

Kurzum: Der Tourismus in Bayern ist eng verzahnt mit dem Leben der lokalen Bevölkerung. Dementsprechend müssen wir die Sorgen und Bedürfnisse der Einheimischen im Zusammenhang mit dem Tourismus vor Ort kennen und berücksichtigen.

Da ich die mediale Berichterstattung in den letzten Jahren „qua Amt“ mit besonderem Interesse verfolgt habe, ist auch bei mir der Eindruck entstanden, dass die Menschen in Bayern keine Gäste bzw. auf gar keinen Fall noch mehr Gäste haben möchten. Besonders präsent war dieses Thema im ersten Corona-Jahr 2020 – einem Jahr, in dem Tourismus in Form von Übernachtungsreisen auch in Bayern nur sehr eingeschränkt stattgefunden hat. Das heißt für mich im Umkehrschluss, dass der eigentliche Urlaubsgast ja gar nicht allein die Quelle des Unmutes sein kann. Wenn ich im Folgenden über die Tourismusakzeptanz und die Sinnhaftigkeit einer Saldenmessung nachdenke, verstehe ich unter „Tourismus“ die touristischen Aktivitäten von Urlaubern, Tagesgästen und Einheimischen gleichermaßen.

Wie ist die Tourismusakzeptanz an touristischen Hotspots?
Overtourism an touristischen Hotspots © tourismus.bayern

Eine Messung der Tourismusakzeptanz ist wichtig

Entspricht also die Stimmung in den Medien dem tatsächlichen Stimmungsbild eines breiten Teils der Bevölkerung oder erhält ein eher kleiner, aber lauter Teil besondere Aufmerksamkeit? Handelt es sich dabei um lokale bzw. regionale Einzelfälle oder betrifft das Bayern in Gänze? Was wird als das eigentliche Problem wahrgenommen: das Zuviel an Menschen oder eher die Überlastung der lokalen Infrastruktur? Und: Kennen die Menschen vor Ort auch die Vorteile, die das Leben in einer touristisch attraktiven Region mit sich bringt – infrastrukturell und wirtschaftlich? Oder sehen sie vor allem die Nachteile?

Genau zu diesen Diskussionen kann eine wissenschaftlich fundierte und methodisch saubere Messung der Tourismusakzeptanz in Form der Ermittlung eines Saldos einen wichtigen empirischen Beitrag leisten: die Bevölkerung vor Ort wird repräsentativ befragt und so deren Wahrnehmung des Tourismus in ihrem Ort oder in ihrer Region ermittelt. Die Studie analysiert wahrgenommene positive sowie negative Effekte und beschreibt ob und inwieweit die Menschen neben der wirtschaftlichen Bedeutung des Tourismus auch Vorteile für ihre eigene Lebensqualität erkennen. Dadurch kann Evidenz in die oft sehr emotional geführten Diskussionen gebracht werden.

Lässt sich die Tourismusakzeptanz tatsächlich für ganz Bayern messen?

Nachdem im Projektverlauf in einem ersten Schritt der TAS für ganz Deutschland sowie SH gemessen wurde, fanden im Sommer 2021 Erhebungen in allen deutschen Bundesländern statt. Verteilt über ganz Bayern wurden circa 400 Menschen zu ihrer Haltung zum Tourismus persönlich und für ihren Wohnort befragt.

Und hier liegen meines Erachtens die Einschränkungen in dem Konzept der Ermittlung eines TAS für Bayern: Mit der Größe eines Erhebungsgebietes steigt in der Regel die Heterogenität der Tourismusstruktur und die Intensität des touristischen Geschehens innerhalb des Gebietes. So gibt es Gebiete in Bayern, deren touristische Kapazität noch lange nicht ausgeschöpft ist, neben Regionen, die von Jahr zu Jahr mehr Zulauf erhalten. Somit lässt sich ein einziger Wert in Form des TAS für die die Tourismusakzeptanz in ganz Bayern kaum interpretieren. Folglich hinkt auch der Vergleich mit anderen Bundesländern in Form eines Rankings sowie ein TAS für ganz Deutschland.

Dagegen lässt sich ein TAS für kleinere und damit eher homogene touristische Einheiten wie Städte oder Tourismusregionen innerhalb Bayerns wesentlich besser einordnen. Hier treffen die oben genannten Einschränkungen meiner Meinung nach nicht zu. Vielmehr kann man mit der Ermittlung des TAS differenzierte Erkenntnisse darüber gewinnen, ob und wo die Menschen vor Ort „der Schuh wirklich drückt“. Durch die Entwicklung zielgerichteter Maßnahmen wie z. B. der Förderung des Tourismusbewusstseins kann man diese Erkenntnisse in Wert setzen. Idealerweise werden die Erfolge der abgeleiteten Maßnahmen im Zeitverlauf wieder gemessen.

Fazit: Die Berücksichtigung und Förderung der Tourismusakzeptanz in der Bevölkerung ist ein wesentlicher Schritt im Prozess der nachhaltigen Destinationsentwicklung – ganz im Sinne von: „Nur wo sich der Einheimische wohlfühlt, fühlt sich auch der Gast wohl”. Die Erhebung und Analyse eines TAS nach dem Konzept des DITF kann hierzu meiner Meinung nach auf lokaler, kommunaler und kleinerer regionaler Ebene in Bayern einen wesentlichen datenbasierten Beitrag leisten. Zudem hat eine Befragung in der Bevölkerung in Form des TAS auch eine gewisse Signalwirkung im Sinne von „wir (als Tourismusverantwortliche) haben ein offenes Ohr für eure Sorgen und Bedürfnisse und suchen gemeinsam nach Lösungen“. Eine genauere Kenntnis der Herausforderungen, die die Menschen persönlich und für ihren Ort oder für ihre Region im Zusammenhang mit den Besuchern tatsächlich wahrnehmen, ermöglicht dem Destinationsmanagement entsprechende Ziele zu formulieren und lösungsorientierte Maßnahmen abzuleiten. Und damit ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur nachhaltigen Tourismusdestination gemacht: Deren Gestaltung als Heimat und Urlaubsraum, die sowohl Gästen als auch den Einheimischen höchste Lebens- und Freizeitqualität bietet.