Bodenmais: Der Gipfel des Erfolgs

Bodenmais im tiefsten Bayerischen Wald hätte als verlassener Grenzort enden können. Dass dort heute  Arbeit, Schulen und Geschäfte florieren, ist visionären Stadtvätern zu verdanken, die wussten, dass sie nur eine Chance hatten: Den Tourismus.

Silberberg in Bodenmais
Der Silberberg ist der Hausberg von Bodenmais. Er hat sich vom Grubenrevier zum vielfältigen Erlebnisort gewandelt © Marco Felgenhauer
Joachim Haller, Bürgermeister von Bodenmais
Joachim "Joli" Haller, Bürgermeister. Der Bankkaufmann, Stadtoberhaupt seit 2012, ist überzeugt, dass in Bodenmais "ohne Tourismus die Lichter ausgehen". Was noch zum Glück fehlt? Günstiger Wohnraum und mehr Leben im Ortszentrum © Severin Wohlleben

Der 955 Meter hohe Silberberg ist für Bodenmais wie das Brandenburger Tor für Berlin:  Wahrzeichen, Attraktion, Identifikationsobjekt. Er hat Geschichte geschrieben, ist aber auch  zukunftsträchtig: In seinen Bergbaustollen wurde neulich die dritte Staffel der Krimiserie „Der Pass“  gedreht. „Da kam ein Riesenteam angereist, und wir waren dankbar, dass wir als Tourismusort die  entsprechenden Kapazitäten haben“, sagt Joachim „Joli“ Haller, der Bürgermeister von Bodenmais. Mit Trachtenjacke und leichten Halbschuhen springt er über die Felsen am Höhlenausgang.  Bodenmais liegt im Tal unter uns. 3.700 Menschen leben hier; 400 davon vermieten an Gäste. In den 5.600 Gästebetten, von denen die Hälfte in Betrieben mit drei und mehr Sternen stehen, haben im  vergangenen Jahr 800.000 Übernachtungen stattgefunden. Bodenmais gilt als der beliebteste  Urlaubsort im Bayerischen Wald. Aber wie sähe es hier, 10 Kilometer von der tschechischen Grenze und 35 von dem nächsten Autobahnanschluss entfernt, ohne Tourismus aus?

Haller zeigt nach unten. Der alte Ortskern von Bodenmais liegt auf einer Art erhöhten Landzunge in einem breiten, von Wald  und Wiesen durchsetzten Tal. Am Fuße der Landzunge hat sich der Ort modern weiterentwickelt – zu einer vielfältigen Mischung aus kleinen Pensionen, alten Bauernhöfen, Supermärkten, Pubs,  Werkstätten, einem Kurpark, Wellnesshotels und einem rosafarben gestrichenen Rathaus. „Wenn wir  keinen Tourismus hätten“, sagt der Bürgermeister, „dann stünde da unten nur die Hälfte der  Häuser. Wir wären ein verlassener Grenzort. Keine Kinder, keine Schulen. Kein Bäcker und kein  Metzger, denn dafür wären wir viel zu klein. Ohne Tourismus“, schließt er, „würden bei uns die  Lichter ausgehen.“ Bodenmais hat eine interessante Geschichte. Es begann als Bergbaudorf. Über viele Jahrhunderte wurden aus dem Silberberg kostbare Rohstoffe geholt. Erst wurde Bleiglanz abgebaut und das Silber herausgeschmolzen, dann Vitriol, zum Schluss Eisenoxid, das als Potée zum Glasschleifen gebraucht wurde. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg ging es bergab mit der Nachfrage.

Im Silberberg Bergwerk
Noch heute wird in die Silberberg-Stollen eingefahren: Als Besucherbergwerk ziehen sie Scharen von Urlauber*innen aus dem ganzen Woid an © Bodenmais Tourismus

„Ohne Tourismus wären wir ein verlassener Grenzort. Kein Bäcker, kein Metzger, keine Kinder, keine Schulen.“

Joachim „Joli“ Haller
Bürgermeister von Bodenmais

1962 war Schicht im Schacht; die Zukunft sah duster aus. Man sei weitab vom Schuss gewesen, „im Woid“ eben, München eine Tagesreise entfernt. Es habe keine ebenen Flächen für die Ansiedlung von Gewerbe gegeben und nur karge Böden, sodass es selbst die Landwirtschaft schwer hatte. Man drohte, zum Armenhaus Deutschlands zu werden; die Leute gingen weg, so wie Hallers Eltern, die sich von Opel anwerben ließen, weswegen der Bürgermeister im Taunus zur Welt kam. Und heute? Herrscht wegen der Gäste Vollbeschäftigung. 1.700 Arbeitsplätze hingen direkt am Tourismus, berichtet Haller – nicht nur in Hotels, Pensionen  und in der Gastronomie, sondern auch in Handel,  Handwerk und im Dienstleistungsbereich. Es pendelten mehr Arbeitnehmer*innen nach Bodenmais
hinein denn hinaus.

Am Silberberg ist jetzt wieder richtig Betrieb. Er ist zum „Erlebnisberg“  geworden, mit historischem Besucherbergwerk und Heilstollen („Wir testen da gerade eine Long-Covid-Therapie.“), mit Sommerrodelbahn, Naturlehrpfad, Alpinski-Pisten und jeder Menge Gastronomie. „40 Prozent der AktivCard Bayerischer Wald wird hier am Silberberg genutzt“, freut sich Haller. Auch die  Einheimischen profitieren von dem Angebot. Genauso wie vom Hallen- und Freibad unten im Ort, beide perfekt saniert, sowie vom ehemaligen Kurhaus, heute Vital-Zentrum, in dem nicht nur Gäste, sondern auch Bodenmaiser*innen jede Woche aus 25 kostenlosen Kursen auswählen dürfen. „Das lassen wir uns schon etwas kosten“, sagt der Bürgermeister. Auch sonst profitieren die Einheimischen. Zum Beispiel mit kostenlosem Musikunterricht oder einem Jugendzentrum. „Mit Personal. Welche kleine Gemeinde kann sich das sonst schon leisten? Da kapieren dann auch die jungen Leute schnell, dass der Tourismus nichts Negatives ist.“

Michaela Herzinger, Apothekerin in Bodenmais
"In einem kleinen Ort ohne Tourismus hier im Wald würde ich nie eine Apoteheke aufmachen", sagt Michaela Herzinger, Apotehkerin. Die Marien-Apotheke lebt nicht nur von Rezepten. Sie braucht Tourist*innen, die die hauseigenen Salben und Cremes kaufen, sich den Blutdruck messen lassen und Medikamente kaufen © Severin Wohlleben
Franz Weinberger, Angestellter aus Bodenmais
"Wir haben ja keine Industrie. Da musst du schon nach Dingolfing zu BMW. Und das ist weit", meint Franz Weinberger. Im Winter hält er die Loipen in Schuss, im Sommer die befestigten Wanderwege. Auch Weinbergers Arbeitsplatz am Städtischen Bauhof hängt mit dem Tourismus zusammen © Severin Wohlleben
"Die Hälfte des Umsatzes machen wir mit Gästen. Aber zum Weißwurst-Seminar kommen auch Einheimische", weiß Stefan Einsle, Metzgermeister. Der 44-Jährige hat den Familienbetrieb um regionale Souvenirprodukte erweitert und eine "Schlemmertheke" installiert. Er beschäftigt 20 Mitarbeiter*innen © Severin Wohlleben

Alles also bestens in Butter, seit der legendäre Bürgermeister Siegfried Weikl in den 1950er-Jahren mit echtem Pioniergeist auf den Tourismus als einzige mögliche Zukunft setzte und samt  Trachtenkapelle nach Westberlin reiste, um dort für Urlaub in Bodenmais zu trommeln? Bürgermeister Haller schüttelt den Kopf. Es gebe die üblichen Schwierigkeiten eines Tourismusorts – zu wenig Wohnraum für  Arbeitskräfte und junge Familien. Oder die „Hotspot“-Problematik mit Staus und überfüllten Wanderparkplätzen an bestimmten Tagen, doch da sei die Gemeinde mit Parkraumsensorik, im Internet ausgespielten Live-Daten und verstärkten Ortsbuslinien schon an der Lösung dran. Das wahre Problem von Bodenmais, sagt Haller, sei das verwaiste, alte Ortszentrum. Wir steigen in sein Auto und fahren zum Marktplatz.

Der Weg führt über die ein wenig gesichtslose Bahnhofstraße im unteren Ortsteil. Hier pulsiert das Urlaubsleben. Wander*innen in Funktionsjacken drücken sich die Nase an Schaufenstern platt, geben sich beim Adam-Bräu die Wirtshausklinke in die Hand, kaufen Sportartikel und Schwarzgeräuchertes. Und oben, am eigentlich sehr schönen alten Marktplatz, der gesäumt ist von mächtigen Häusern mit Schopfwalmdach und Atmosphäre? Herrscht Friedhofsruhe. Viele Geschäfte stehen leer, kaum ein Mensch ist unterwegs, an einer Auslage klebt zehn Jahre nach der Schlecker-Pleite immer noch Reklamefolie der ehemaligen Drogeriekette. Ein deprimierender Anblick. „170.000 Gäste im Jahr reichen nicht, um hier die Geschäfte am Leben zu erhalten“, murmelt der Bürgermeister und schüttelt den Kopf, als könne er es selbst nicht glauben.

Bodenmais Ortsansicht
Die unversehene Natur des Bayerischen Waldes ist das Pfund, mit dem Bodenmais wuchern kann © Bodenmais Tourismus

Doch es gibt einen Plan. Partizipativ mit den Bürger*innen und mit Unterstützung einer Stadtentwicklungsagentur ausgearbeitet: Das Parken am Marktplatz soll erleichtert werden, eine Freilichtbühne für Spontanevents entstehen, auf der Wiese hinter dem Forstamt ein  „Waldinspirationsgelände“ eingerichtet werden. „Wir wollen Leben erzeugen“, sagt Haller. Auch  Häuser wolle man kaufen und Wohnraum schaffen, „damit sich auf den Straßen wieder was rührt“. Eine erste frische Brise ist übrigens schon zu spüren am Marktplatz: In der ehemaligen „Alten Post“  hat sich vor ein paar Jahren die „Rote Res“ eingerichtet, ein zeitgemäßer Mix aus Wirtshaus- und  Musikkultur. Es gibt Punkkonzerte, regionale Biersorten und scharfe Kürbissuppe. Auf den Vintage-Sesseln nimmt die einheimische Jugend ebenso Platz wie der ein oder andere neugierige Gast. Denn wie hat es Joli Haller so schön formuliert? „Wo sich der Einheimische wohlfühlt, gefällt es auch dem Touristen.“